Drei Wochen auf dem South West Coast Path

“Meet me there, where the sea meets the sky”

Fotos + Text: Magda Lehnert

Die Hitze scheint bewegungslos zwischen den hohen Hecken zu stehen – erbarmungslos und drückend, als würde sie mich buchstäblich in die Knie zwingen wollen. Meine Haut an den Beinen brennt, Blut läuft in dünnen Fäden aus den Wunden, wo spitze Dornen und Brennnesseln ihre Klauen nach mir ausstrecken – so dicht, dass mir nicht einmal mehr die Wanderstöcke helfen, das wuchernde Gestrüpp beiseitezuschieben. Wo ist das versprochene türkisblaue Meer, die Wiesen, die blühende Heide, der Weitblick über die Klippen geblieben!? Und wer hatte bitte diese vermaledeite Idee, drei Wochen lang durch die Pampa Südwestenglands zu laufen?

Großbritanniens zweitlängster Wanderweg

Es ist einer der typischen Momente, den früher oder später wohl jede*n Fernwander*in einholen wird – selbst auf Englands berühmtestem Panorama-Trail. Über 1014 km führt er von Minehead zu den wilden Ponys des Exmoor Nationalparks, schlängelt sich an den Karibikstränden Cornwalls zur Südküste Großbritanniens und führt dort schließlich zur weltbekannten Jurassic Coast. Bei durchschnittlich 20 km pro Tag ohne Pause bedeutet diese Strecke ganze 50 Tage Wanderzeit! Doch auch wenn sich die Landschaft immer wieder von Mooren zu Wäldern, Wiesen und besiedelten Gebieten voller Fischerdörfchen verändert, bleibt doch eines über die gesamte Strecke gleich: Der Klang des mal friedlichen, mal tosenden Atlantiks, wie er die steilen Klippen umspült und seit Jahrtausenden, Welle für Welle Felsentore und -nadeln, Buchten und Piratenhöhlen formt.

Ursprünglich von der Küstenwache angelegt, sollte er nämlich überall einen genauen Blick auf die Ufer ermöglichen, um ungebetene Schmuggler ausfindig zu machen. Entsprechend führt er fast immer mit spektakulären Blicken genau am Rand der Klippen entlang – zumindest, wenn man nicht gerade mal wieder in meterhohen Hecken steckt.

Karte South West Coast Path

Fakten zum South West Coast Path

South West Coast Path 
Länge1.014 km
StartpunktMinehead
ZielpunktPoole Harbour
Höhenmeter> 19.000 hm
DauerGesamte Strecke etwa 52 Tage

Ein perfekter Tag

Doch eigentlich spielen besagte Hecken in meiner Erinnerung kaum noch eine Rolle. Werde ich nach dem South West Coast Path gefragt, denke ich inzwischen als erstes an den Tag, an dem ich in einer alten Tin Mine einen jungen Vater und seinen Sohn getroffen habe. Bevor wir überhaupt unsere Namen kannten, hatten sie mir schon ein Käsesandwich mit frischen Tomaten im Austausch gegen neue Blasenpflaster angeboten. Und weil fremden Menschen die Füße zu versorgen mehr zusammenschweißt, als man vielleicht vermuten mag, war es ganz natürlich, ab diesem Moment an, zusammen zu laufen. Zusammen in der einsamen Bucht vor Sennen Cove ins türkisblaue Wasser zu springen oder die letzte Portion Fish’n’Chips zu teilen. Die Stille und dieses kleine Gefühl von Stolz zu genießen, als wir im goldenen Abendlicht Land’s End, den westlichsten Punkt des britischen Festlandes, erreichten und später zusammen auf einer einsamen Klippe beim Klang der Wellenmusik das Zelt aufzuschlagen. Ganz nah beieinander, um uns gegenseitig Windschutz zu geben und als hätten wir uns schon seit Wochen gekannt.

South West Coast Path Ausblick Küste
South West Coast Path Zelten

Wildcampen: Erlaubt, verboten, geduldet…

Bevor es aber vor lauter Trail-Magie zu romantisch wird, sei erwähnt, dass das Wildcampen am South West Coast Path nur geduldet, aber nicht offiziell erlaubt ist. Hintergrund ist die nahezu vollständige Privatisierung der englischen Ländereien. Möchte man sein Zelt aufschlagen, ist bei den Besitzer*innen eine Erlaubnis einzuholen – dass das in der Realität selten machbar ist, liegt auf der Hand. Erfahrungsgemäß wird das Wildcampen aber geduldet, solange man das Zelt nicht in unmittelbarer Nähe zu Häusern aufstellt, Schutzzonen achtet, den Müll mitnimmt und kein offenes Feuer macht. Alternativ reihen sich die Campingplätze wie Perlen auf einer Schnur, sodass man selbst ohne viel organisatorisches Geschick zumindest in Cornwall täglich die Wanderung an einer Campsite beenden kann.

… oder doch einfach nur gruselig?

Für mich zugegebenermaßen der wichtigste Grund, weshalb ich mich für den South West Coast Path entschieden habe. Nur ungern denke ich an die erste Nacht zurück, in der ich voller Euphorie unbedingt sofort wildcampen wollte. Nur wenige Stunden, nachdem ich eingeschlafen war, brauste der Wind auf, die Zeltwände flatterten ohrenbetäubend und mein Hund Timber saß aufrecht auf meinem Bauch. Nervös blickte er zu allen Seiten, schien überall etwas zu hören, wovor er mich beschützen wollte, knurrte, stellte sein Nackenfell auf… Doch was war das? Hatte da etwa wirklich hinter uns gerade ein Ast geknackt? War das etwa das Geräusch eines Schritts gleich neben dem Eingang? Spätestens jetzt saßen wir beide aufrecht im Zelt und versuchten, zwischen dem Flattern irgendein Geräusch auszumachen, das uns verraten würde, ob wir vielleicht doch nicht mehr alleine sind. Ich glaube, ich muss weder erwähnen, dass außer dem Wind nicht viel Besuch kam, noch welche Ausmaße meine Augenringe am Morgen angenommen hatten…

South West Coast Path Rucksack
South West Coast Path Wandern entlang der Klippen

Cornwall, das unterschätzte Surfparadies

Doch die Campingplatz-Dichte, die mutige Angsthasen wie Timber und mich vor dem Wildcamping bewahrt, ist nur ein Grund, warum der Abschnitt durch Cornwall als der beliebteste des gesamten South West Coast Paths gilt. Seit Ferienbeginn haben sich die besiedelten Buchten zwischen den einsamen Abschnitten an den Klippen in ein kunterbuntes Bade- und Surf-Eldorado verwandelt. Während die SurferInnen in Scharen nach Newquay an den Fistral Beach mit seinen herrlichen Beach Breaks strömen, zieht es alle anderen an die Karibikstrände von Porthcurno, St. Ives, Kynance Cove und Co. Zwischendrin hunderte niedliche Strandcafés, die die beliebten Cornish Crab Sandwiches, frische Muscheln oder einfach nur herrlich fettige French Fries servieren.

Trotz des beeindruckenden Kontrasts der weißen Strände vor dem türkisblauen klaren Wasser zieht es mich beim Anblick der vielen Menschen, die sich eng an eng in der Sonne räkeln, meist schnell zurück auf die wilden Klippen. Denn wenn der South West Coast Path mich an diesen Tagen eines lehrt, dann dass hinter der nächsten Biegung schon die nächste einsame Bucht darauf wartet, entdeckt zu werden. Oder der nächste Dornenbusch.

Doch welche Wahl hat man dann schon, mitten im britischen Nirgendwo in einer Hecke? Es bleibt nur eins: Weiterlaufen. Und ist man erst einmal angekommen und liegt nach einem warmen Essen im kuscheligen Zelt, ist auch schon wieder alles gar nicht mehr so schlimm. Zumindest nicht schlimm genug, um am nächsten Tag nicht weiterzugehen und das Spiel von vorn zu spielen – bis zum nächsten Traumstrand und man sich gar nicht mehr vorstellen kann, jemals gezweifelt zu haben.

South West Coast Path Verpflegung
South West Coast Path Wegweiser
South West Coast Path Surfen

Über die Autorin:

Gemeinsam mit ihrem Cocker Spaniel Timber reist Magda regelmäßig zu Fuß oder im Van durch Europa – immer auf der Suche nach dem nächsten Outdoorabenteuer. Auf ihrem Blog wanderfolk.de findest du Artikel übers wilde Draußensein, Reiseguides, Wandertouren und Roadtrip-Routen – Geheimtipps und Ideen für deine Zeit in der Natur.

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