Ihre Natur: Inspirierende Outdoor-Frauen erzählen

Ihre Natur: Inspirierende Outdoor-Frauen erzählen

Editorial

Martina Domnick

Sie nutzen ihre Flexibilität und Kraft für geschmeidige Bewegungen an der Kletterwand, setzen beim Trailrunning einen Fuß vor den anderen, fegen in waghalsigem Tempo über die Snowboardpisten und wandern voller Entdeckungsgeist in der Gruppe oder einfach für sich allein: Frauen treiben aktiv Sport in der Natur und gehören natürlich zur Outdoor-Welt dazu. Was uns dabei verbindet ist das Streben nach Freiheit und Selbstverwirklichung. Manchmal scheinen durch den weit verbreiteten Fokus auf Höchstleistungen oder Bestzeiten aber die Vielfältigkeit und Individualität verloren zu gehen, die wir bei jeder Aktivität mitbringen. Geht es beim Sport um den Wettkampf und den Vergleich mit anderen oder vielmehr darum, die eigenen Grenzen auszutesten und einfach Spaß bei der Sache zu haben? Beide Extreme (und alles dazwischen) haben ihre Berechtigung, denn niemand kann uns vorschreiben, wie wir uns zu fühlen und auszuleben haben. Obwohl es beim Sport viele Soll-Zustände gibt – die richtige Technik, die schnellste Zeit, die ideale Form, das perfekte Training – wissen wir, dass jeder Körper unterschiedlich ist und sich auch unsere Ziele unterscheiden. Manche machen möglichst viele verschiedene Sportarten ein bisschen, andere spezialisieren sich auf eine Disziplin und finden Motivation im Wettbewerb mit sich selbst und mit anderen. Wieder andere wollen einfach nach draußen an die frische Luft und den Kontakt zur Natur in aller Ruhe genießen. Um diese Vielfältigkeit hervorzuheben und zu feiern, haben wir aktive Sportlerinnen, Hobbyathletinnen, Unternehmerinnen im Outdoor-Bereich und eine Sportpsychologin gefragt, was sie motiviert, fasziniert und bewegt. Wir hoffen, dass ihre Erfahrungen auch dich inspirieren, nach draußen zu gehen und etwas Neues auszuprobieren.

Inhalte


"Sport has the power to change the world. It has the power to inspire. It has the power to unite people in a way that little else does. It speaks to youth in a language they understand."

Nelson Mandela

Regina Wohlgenannt über weibliche Vorbilder im Sport - campz.de

Regina Wohlgenannt

Mitgründerin von exploristas


Ich bin Regina. Skifahrerin. Mitgründerin von exploristas. Mama. Unternehmerin. Freundin. Tochter. Und seit neuestem gerne auch Vorbild (zumindest für meine Kinder).

Bei mir selbst hat es über 30 Jahre gedauert, bis ich die enorme Kraft weiblicher Vorbilder entdeckt habe. Auf einem all-female Freeride-Camp habe ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass ich bestimmte Herausforderungen meistern kann, weil ich mich getraut habe, einem weiblichen Vorbild nachzufahren. Zum einen habe ich erst dort entdeckt, dass es viele sehr gute Skifahrerinnen gibt, die dann meine ersten richtigen Vorbilder wurden. Ich habe Frauen getroffen, die beruflich erfolgreich waren und teilweise schon Kinder hatten, und trotzdem ihre Leidenschaft zum Skifahren nicht aufgegeben hatten. Das war inspirierend, hat Spaß gemacht und hat neue Perspektiven eröffnet – auch abseits der Piste. Zum anderen habe ich bemerkt, wieviel leichter es mir fiel, einer Frau im Gelände nachzufahren. Es sind kleine Momente, in denen man intuitiv entscheidet, die den großen Unterschied ausmachen und am Ende prägende Erfolgserlebnisse sind – und uns über uns hinauswachsen lassen. Kleine Sprünge, irgendwo durchzufahren, wo man sich andernfalls nicht getraut hätte. Aber wenn man jemanden Ähnlichen vor sich hat, die das selbstbewusst einfach macht, dann entsteht das Gefühl, das auch zu können. Sozusagen ein Push Effekt – „wenn sie das kann, dann kann ich das auch“. Das war ein Schlüsselmoment für mich.

Weibliche Vorbilder sind Inspiration, sich aus der eignen Komfortzone zu trauen und einfach Neues zu wagen. Sich mehr zuzutrauen, sodass Ängste überwunden werden können und das vermeintlich Unmögliche möglich wird.

#joinexploristas #traudichraus

Sportministerium Österreich Logo

@Exploristas.at
Exploristas.at

Veronika Kamenicka über weibliche Communities im Sport - campz.de

Veronika Kamenicka

GRÜNDERIN VON OUTDOORCHICKS


Die Idee für Outdoorchicks entstand, als meine sehr gute Freundin, mit der ich gerne und oft Sport machte, aus Innsbruck wegzog. Da wurde mir klar, wie sehr mir diese Verbindung zu einer anderen abenteuerlustigen Frau und zu den Bergen fehlte. Also habe ich die Website outdoorchicks.org ins Leben gerufen – der Fokus lag gar nicht so sehr auf Social Media, sondern es ging darum, Leuten draußen zusammenzubringen. Unser erstes Event war Yoga im Park – über 50 Leute (Männer, Frauen, Hunde) kamen und da dachte ich: Och, es gibt noch viel mehr Leute wie mich, die abenteuer- und sportbegeisterte Freunde suchen. Wir konzentrieren uns hauptsächlich und direkt auf Frauen, aber wir schließen dabei niemanden aus – es ist kein Problem, wenn auch Männer mitkommen wollen.

Ich denke einfach, dass Frauen sich wohlfühlen und Selbstvertrauen gewinnen müssen, wenn sie eine neue Sportart anfangen (besonders wenn es um waghalsige Aktivitäten wie Biken, Snowboarden usw. geht). Es gibt jede Menge coole Leute, die echt was draufhaben, und da fühlt man sich schnell überwältigt und einfach „nicht gut genug“. Bei uns (Outdoorchicks) gibt es das nicht, weil wir es einfach aus Spaß an der Sache machen und voneinander lernen – keine Wertung, kein besser oder schlechter. Das ist der kleine Unterschied: Ich mach auch gerne Sport mit Männern, aber manchmal ist da einfach zu viel Hype oder Druck dabei. Ich will einfach Spaß an der Sache haben. Uns geht es nicht darum, die steilsten Pisten zu erobern, etwas als Erste zu entdecken, die schwierigsten Trails zu mit dem Mountainbike zu bezwingen oder die höchsten Berge zu erklimmen. Uns ist wichtiger, Frauen mit einer echten Leidenschaft für Outdoor-Sport und mit Liebe zur Natur zu verbinden.

Für mich ist es wichtig, so eine offene Gemeinschaft, basierend auf Inklusion, zu erzeugen. Manche Frauen zweifeln in Bezug auf viele Dinge zu sehr an sich selbst. Frauenfokussierte Gruppen und Sportclubs geben ihnen die Freiheit, einfach sie selbst zu sein und sich da draußen in der Natur zu bewegen. Es gibt so viele tolle Momente, dass es schwer ist, einen auszuwählen. (Sieh hier selbst nach)

Unser Ziel ist es, zu inspirieren, zu unterstützen und gemeinsam professionell und persönlich zu wachsen. Wir möchten eine Gemeinschaft von starken Frauen gestalten, die ihr Können erweitern, voneinander lernen und gleichzeitig die Natur da draußen erleben wollen. Wir möchten auch, dass Outdoorchicks eine Plattform für Frauen ist, um andere Outdoor-Verrückte kennenzulernen, an Events teilzunehmen, die eigenen Meinungen, Talente und Ideen zu teilen, und zu erfahren, was es bei verschiedenen Athletinnen Neues gibt.

Meine persönlichen Erkenntnisse:

  • Frauen sind sehr motiviert und motivierend. Wenn sie sich motiviert und frei fühlen, können sie Berge versetzen
  • Jede*r kann es! Es ist egal, wie alt oder groß du bist, was du arbeitest oder wo du herkommst – mit der richtigen Einstellung ist alles möglich. Wir haben erlebt, wie junge Mädels atemberaubende Pisten runtergeheizt sind, 55-Jährige gelernt haben, Ski zu fahren oder trotz ihrer Höhenangst, mit dem Klettern angefangen haben.
  • WIR BRAUCHEN MÄNNER! Wir brauchen ihre Unterstützung, Bewunderung und auch Komplimente – damit wir etwas zeigen und uns entwickeln können. Aber wir wollen manchmal auch einfach für uns sein, wenn wir Draufgängerinnen sind.
  • Gemeinsam ist es einfach besser! Während der Corona-Zeit fühlen wir das mehr denn je. Darum hoffen wir, dass wir bald mit unserer Mission weitermachen können, um noch mehr Frauen nach draußen in die Natur zu bringen!


@OUTDOORCHICKS_ORG
OUTDOORCHICKS.ORG

Julia Topp - campz.de

Julia Topp

ART DIREKTORIN, TRAILRUNNERIN UND BLOGGERIN VON EATRUNHIKE


Höher, schneller, weiblicher?

Ich will mich zu einem Trailrunning-Wettkampf anmelden. Wähle ich eine Strecke, mit der ich mich wohlfühle, oder suche ich eine neue Herausforderung? Normalerweise lässt sich diese Frage mit Blick auf das machbare Trainingspensum schnell beantworten. Oft kommt allerdings der Aspekt des trotzigen “Ich kann das aber auch” hinzu. Suche ich also diese Herausforderung nur für mich oder will ich beweisen, dass ich als Frau auch die ultralange Strecke laufen kann? Werde ich als Frau mehr bewundert, wenn ich 100 Kilometer Trails renne? Ja. Will ich diese Sonderstellung? Nein. Ist es trotzdem gut, um für Gleichberechtigung zu werben? Ja.

Auch wenn sich seit Kathrine Switzer, die erste Frau, die 1967 einen offiziellen Marathon gelaufen ist, schon viel verändert hat, ist man im Outdoor-Sport in vielen Bereichen weit davon entfernt, Frauen als gleichberechtigt zu sehen und ihre Leistungen nicht mit einem “... für ‘ne Frau” herabzusetzen. Ja, es geht höher hinauf. Ja, es geht schneller hinab. Na und, dann ist das halt so. Wenn ich Höhenangst auf dem Grad habe, dann nur weil ich persönlich den Schritt in den Tod fürchte. Nicht weil Ängstlichkeit angeblich „typisch Frau“ ist. Also woher kommt dann der Trotz? Wir Frauen sind oft unsere ärgsten Kritikerinnen, und das obwohl wir eigentlich genau wissen sollten, was wir leisten können.

Ich habe mich jedenfalls entschieden. Mein Wettkampf-Trail hat ein Profil auf Augenhöhe: “Höher, schneller, gleich!”


@jules_eatrunhike
EATRUNHIKE.de

Interview mit

Miriam van der Ham

Dranbleiben und Durchhalten

Miriam gründete im Januar 2020 ihr Urban-Outdoor-Label mvdham.

Das erste Jahr verlief unerwartet anders.

Interview mit Miriam Van der Ham

Im Januar 2020 hat Miriam Van der Ham ihre Marke mvdham gegründet, weil sie Outdoorbekleidung aus natürlichen Materialien produzieren will, die modisch und dennoch unabhängig von kurzlebigen Trends oder Saisons ist. Dafür erhielt sie unter anderem einen begehrten ISPO Brandnew Award. Aber dennoch verlief dieses wichtige Gründungsjahr ganz anders, als sie es sichvorgestellt hatte. Sie erzählt uns, wie wichtig es für sie ist, Dinge zu durchdringen, wie sie dazu steht, Risiken einzugehen, und was sie inspiriert, dranzubleiben und durchzuhalten.

Dranbleiben und Durchhalten

Miriam Van der Ham

Was hast du dir aufgebaut und was hat dich dazu inspiriert, es zu tun?

Ich wollte mit mvdham eine Marke schaffen, die den hohen Ansprüchen von Outdoorbekleidung gerecht wird und gleichzeitig nicht ausschließt Mode zu sein. Die Entscheidung, ausschließlich natürliche Materialien zu verwenden, lag für mich auf der Hand, weil ich begeistert bin von den natürlichen Funktionen von Wolle, Seide und co. Den Einkauf und die Produktion lokal zu halten war für mich selbstverständlich, da es mir ein großes Anliegen ist, Wege so einfach wie möglich zu gestalten, um sparsam mit den Ressourcen umzugehen. Was mir zudem auch noch Zeit und Flexibilität gebracht hat, ist die Entscheidung, nicht in Saisons oder Kollektionen zu denken und zu arbeiten, sondern die Kleidung nach Bedarf und Bedürfnis weiterzuentwickeln. Die Inspiration für mvdham hatte ich ursprünglich vor vielen Jahren, als man damit begann sich im städtischen Leben mit „hochfunktionalen Outdoorjacken“ und „SUVs“ in extreme Bedingungen zu träumen.


Wer war die erste Frau, zu der du aufgeschaut hast, und warum?

Alexandra David - Néel hat mich schon als Jugendliche tief bewegt. Sie war Forscherin und ist Anfang des 20. Jahrhunderts zu Fuß und verkleidet als arme Nonne durch Tibet und Westchina gezogen. Dort ist sie beispielsweise als erste weiße Frau in die verbotene Stadt Lhasa gekommen. Sie und ihr bedingungslos abenteuerfreudiges und mutiges Leben inspiriert mich immer wieder aufs Neue.


Was ist das größte Risiko, das du jemals eingegangen bist?

Ich versuche jedes Risiko sehr bedacht abzuwägen und entscheide, ob es nötig und sinnvoll ist, es einzugehen. Finanzielle Risiken im Bezug auf mvdham scheue ich übrigens im Speziellen und gehe da lieber auf Nummer Sicher. Manchmal ist es aber auch nötig im Leben voll auf Risiko zu gehen. Darin liegt ein besonderer Zauber und eine kraftvolle Energie. Das fühlt sich ein bisschen an wie über einen Grat zu laufen. Es bedarf höchste Konzentration und einen sicheren Gang um nicht abzustürzen. Erst, wenn man auf der anderen Seite angekommen ist sieht man, ob es sich gelohnt hat, das Risiko in Kauf genommen zu haben. Den Mut, den man aber dafür aufgebracht hat, kann einem keiner nehmen.


Was lässt dich an dir selbst zweifeln und wie gehst du damit um?

Ich bin mein größter Antreiber und gleichzeitig auch mein größter Kritiker. Ohne die eigenen Zweifel würde ich nicht vorankommen. Durch Zweifel entsteht auch Sicherheit, weil ich erst durch die Zweifel beginne zu hinterfragen, zu durchdringen und zu begreifen.


Das mutigste, was du als Kreative und Gründerin je getan hast?

Mutter zu werden.


Deine persönlichen Erfolgsmomente in deiner Karriere?

Der Gewinn des ISPO brandnew Awards 2020 und die Messen 2020 waren große Erfolgsmomente für mich und mvdham.


Was waren die größten Herausforderungen seit der Gründung vonmvdham, und was hast du daraus gelernt?

mvdham wurde im Januar 2020 gegründet. Das war kurz vor dem ersten Corona-Lockdown. Mit der Grenzschließung nach Polen im März 2020 haben wir entschieden auf Nummer sicher zu gehen, die Produktion gestoppt und alle ersten hart erarbeiteten Bestellungen zurückgegeben. Seither warten wir auf einen günstigen Moment für den strahlenden Relaunch und arbeiten an neuen Ideen und Strategien, um mit der aktuellen Situation umzugehen. Und was ich daraus gelernt habe? Rückschläge kommen offensichtlich ganz unerwartet und sind am besten zu verkraften, wenn man nicht alle Karten auf ein Pferd setzt. In meinem konkreten Fall heißt das: Ich hatte damals nicht nur gerade gegründet sondern war auch im 9. Monat schwanger und konnte mich so erst einmal um die Geburt und das Leben mit meiner kleinen Tochter kümmern. Was für ein Geschenk für unser gemeinsames Leben.


Was ist der beste Rat, den du je erhalten hast?

Langsam ist das neue Schnell.


Welchen Rat würdest du anderen Gründerinnen geben?

Dranbleiben und Durchhalten, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, es geht eher schrittweise zurück als Schritt für Schritt nach vorn.


Was hast du als nächstes für mvdham vor?

Wie bereits oben erwähnt arbeiten wir an dem Relaunch von mvdham. mvdham wird noch lokaler produzieren und einkaufen. Wir arbeiten an einer on demand Produktion und in Zukunft konzentrieren wir uns ausschließlich auf den Online Markt wie auch auf Online Marketing. Last but not least - auf Grund des hohen männlichen Interesses - wird sie bald kommen: die Männer Urban Outdoor Line von mvdham.



MVDHAM.COM - Website ihres Labels

So verbesserst du deine mentale Stärke im Outdoor-Sport

5 Tipps für mehr Leistung, Motivation und innere Balance

Text

Andrea Keplinger

Sport jeder Art trainiert und fordert nicht nur körperliche, sondern auch mentale Stärke. Diese kann dir in brenzlichen Situation auch im Alltag helfen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Aber mentale Kraft entsteht nicht von ganz allein oder ist angeboren. Sie kann gezielt trainiert und geübt werden. Dabei ist es wichtig, nicht zu warten, bis du in eine Situation kommst, die mentale Stärke erfordert, sondern dich im Vorfeld darauf einstellst. Die Sportpsychologin Andrea Keplinger gibt anschauliche Tipps, wie du deine mentale Stärke trainieren kannst, um speziell im und durch den Outdoor-Sport ausgeglichener und leistungsfähiger zu werden.

Andrea Keplinger

Sport- und Gesundheitspsychologin Andrea Keplinger über mentale Stärke im Outdoor-Sport

1

Angstauslösende Gedanken unterbrechen

Wenn negative Gedanken die Oberhand übernehmen, kann ein sogenannter „Gedankenstopp“ helfen. Diese Technik sollte bereits vor dem „Ernstfall“ geübt werden, um sie dann zuverlässig einsetzen zu können. Wenn du merkst, dass du zum Beispiel beim Klettern in eine negative Gedankenspirale gerätst („Ich schaffe den nächsten Zug nicht“, „Ich werde abrutschen und mir wehtun“, „Hoffentlich hält mich meine Partnerin, wenn ich falle…“), dann stell dir vor deinem inneren Auge ein großes, rotes Stoppschild vor.

Gleichzeitig sagst du laut zu dir selbst „Stopp!“ und schlägst dir dabei mit der Hand auf den Oberschenkel (falls du beim Klettern gerade eine Hand frei hast). Danach – und das ist ein immens wichtiger Punkt – lenkst du dein inneres Selbstgespräch ganz bewusst in eine positive, aufgabenorientierte Richtung, zum Beispiel „Ich stelle jetzt den rechten großen Zeh auf diesen Tritt dort drüben, drehe die Hüfte ein, baue Spannung im Rumpf auf und ziehe dann mit Schwung mit der linken Hand auf diese kleine Leiste dort oben rauf.“

2

Selbstvertrauen stärken

Das Selbstvertrauen ist unter anderem abhängig davon, wie du Situationen, Erfolge und Misserfolge erklärst. Man spricht hierbei von kausaler Attribution. Wenn du beispielsweise einen Boulder vermasselt hast und du deinen Misserfolg durch deine mangelnde Kompetenz erklärst, wird sich dies negativ auf dein Selbstvertrauen auswirken. Ebenso hilft es dir nicht, wenn du den Boulder schließlich schaffst und du den Zufall dafür verantwortlich machst. Besser ist es, Misserfolg auf variable Faktoren zu schieben, das heißt beispielsweise deine mangelnde Anstrengung (beim nächsten Mal kannst du dich mehr anstrengen), die feuchten Wetterbedingungen (warte, bis es trocken ist und schaff es dann) und so weiter. Wenn du das Boulderproblem schließlich löst, darfst du dir diesen Erfolg erstens selbst zuschreiben und zweitens davon ausgehen, dass deine hohen Fähigkeiten dafür verantwortlich sind, sodass du auch die nächste Herausforderung meistern kannst.

Ein weiterer Tipp ist, sich direkt vor der Ausführung einer schwierigen Aufgabe, wie eines Boulderproblems oder vor dem Befahren einer Stromschnelle im Kajak, die erfolgreiche Bewegungsausführung möglichst detailliert – also mit möglichst vielen Sinnen – vorzustellen. Eine bewährte Taktik ist, sich den Bewegungsverlauf gesamt dreimal vorzustellen und mit allen Sinnen zu leben. Einmal im Schnelldurchlauf, einmal in Zeitlupe und einmal im Echtzeit-Modus. In der Sportpsychologie nennt man diese Methode Visualisierung. Damit schaffst du einerseits die Überzeugung, dass du es schaffen wirst, weil du es ja im Kopf schon einmal geschafft hast, andererseits programmierst du damit aber auch dein Gehirn auf die bevorstehende Aufgabe, sodass die Bewegungsausführung flüssiger, ja schon fast automatisiert funktioniert.

Mentale Stärke im Sport

3

In Stresssituationen gelassen bleiben

Wenn du merkst, dass du nervös bist oder Angst hast, versuche zuallererst, dich körperlich wieder etwas runter zu regulieren, indem du zum Beispiel mithilfe der sogenannten Bauchatmung dreimal tief durchatmest. Konzentriere dich dabei auf die Luft, wie sie durch deine Nase in die Lunge strömt, wie sich die Bauchdecke dabei nach außen wölbt und sich der Brustkorb erweitert bzw. beim Ausatmen wieder zusammenzieht. Versuche anschließend, deinen „inneren Dialog“ zu strukturieren und sprich mit dir selbst über mögliche Wege, die „Gefahr“ aus der Situation zu nehmen. Wenn dies nicht möglich ist, sprich dir selbst Mut zu und beschäftige dich nicht mit dem Ausgang der Situation, sondern ausschließlich damit, was du jetzt in diesem Moment tun kannst, um die Situation zu meistern und kontroll- und handlungsfähig zu bleiben.

Wichtig ist, den Fokus weg von den möglichen Konsequenzen und hin auf die Aufgabe zu lenken. Den Aufmerksamkeitsfokus kann man sich dabei wie eine Stirnlampe vorstellen, die du in verschiedene Richtungen ausrichten und auch unterschiedlich stark bündeln kannst. Ist dein Lichtkegel auf den äußeren Stressor oder dein inneres Stresserleben gebündelt, wird wirst du auch genau diese verstärkt wahrnehmen. Wenn du hingegen den Lichtkegel breiter einstellst, kannst du das „Problem“ nicht mehr so gut erkennen und nimmst dafür aber das Umfeld des Problems besser wahr. Andererseits kannst du auch versuchen, den gebündelten Lichtstrahl vom Stress weg und hin auf die zu absolvierende Aufgabe zu lenken, sodass du den Stressor nicht mehr siehst.

Deine „mentale Taschenlampe“ steuerst du durch ein inneres Selbstgespräch.

4

Im entscheidenden Moment motiviert bleiben

Ein klares Ziel vor Augen bietet Orientierung und Motivation im entscheidenden Moment. Dabei ist es wichtig, sich sowohl kurz- und mittelfristige als auch langfriste Ziele zu setzen. Stelle dir deinen Weg ans Ziel wie eine Bergbesteigung vor: Das Fernziel ist der Gipfel des Berges, doch auf dem Weg dort hinauf gilt es, mehrere Zwischenziele zu erreichen, die dich jeweils ein Stück näher an das Hauptziel bringen (zum Beispiel das Ende der Forststraße, die Berghütte, die Anseilstelle auf der Gletschermoräne, der Bergschrund usw.). Um diese mittelfristigen Ziele zu erreichen, sind wiederum kurzfristige, prozessorientierte Ziele erforderlich (die ausgesetzte Querung meistern, den steilen Aufschwung hinaufklettern, an der gefährlichen Stelle sauber steigen usw.). Diese Art der Zielsetzung macht den Weg und die zu absolvierenden Aufgaben übersichtlicher und die Erreichung von Zwischenzielen motiviert zusätzlich.

5

Beim Gruppensport richtig kommunizieren

Gute Kommunikation ist vor allem eines: ehrlich, direkt und konkret! Alle Gruppenmitglieder sollten ihre wahren Bedürfnisse äußern können und von den anderen wahrgenommen und respektiert werden. Hier empfiehlt sich bei möglichen Streitgesprächen auch immer die Ich-Perspektive einzunehmen, da ein konfrontatives Du im Gegenüber eine Art Kampf- oder Fluchtgefühl auslösen könnte. Den Gruppenmitgliedern sollte bewusst sein, dass gegenseitige Anschuldigungen und Beleidigungen nie den gewünschten Erfolg erzielen, sondern lediglich zu einer weiteren Abschottung der Betroffenen führen. Wenn also Meinungsverschiedenheiten auftreten, muss darauf geachtet werden, dass diese respekt- und verständnisvoll kommuniziert werden und nicht die Integrität des Gegenübers einschränken.

Es gibt klassische Kommunikationstools und Strategien, die jede*r Bergführer*in, Trainer*in, Lehrer*in etc. parat haben sollte, um eine Gruppe effektiv führen zu können bzw. über die eine Sportgruppe ohne Führungsperson Bescheid wissen sollte, um in kritischen Phasen reibungslos agieren zu können. Eine einfache, aber nicht minder kritisierte Methode, stellt die so genannte Sandwich-Technik dar. Man sollte sich Feedback vorstellen wie ein Sandwich mit drei Lagen. Die erste Lage stellen anerkennende Worte dar, die zweite Lage des Feedbacks sieht eine Handlungsvariante oder Lösungsstrategie vor und die letzte Lage sind wiederum anerkennende, motivierende Abschlussworte.

Die Frage der Kritik stellt sich, ob ich in risikohaften Situationen wirklich so viel Zeit zur Verfügung habe, um alle Schritte dieser Methode durchzuführen.

6

Erste-Hilfe-Mentalstrategien

Angst hat zwei Komponenten: die körperliche (physiologische) Aktivierung und die (gedankliche) Besorgnis. Das sogenannte Yerkes-Dodson-Gesetz beschreibt die kognitive Leistungsfähigkeit in Abhängigkeit von der physiologischen Aktivierung. Dabei geht die Theorie davon aus, dass bei niedriger Aktivierung auch nur eine geringe Leistung möglich ist. Mit steigender Aktivierung steigt auch die Leistung an bis zu einem Hochpunkt. Ein weiterer Anstieg der Aktivierung führt dann zu einem Abfall der Leistungsfähigkeit.

Einfach erklärt: Stell dir deine Leistung wie eine Glühbirne vor. Wenn zu wenig Energie und Aktivierung in die Drähte eindringt, leuchtet die Glühbirne kaum bzw. kann ihr volles Potential oder das sogenannte optimale Leistungsniveau nicht erreichen. Wenn aber zu viel Energie (oft in Form von Angst) zu schnell in die Glühbirne eindringt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Draht in Mitleidenschaft gezogen wird oder sogar durchbrennt (in einer Form von Panik) deutlich erhöht.

Allerdings wird in diesem Modell die zweite Komponente der Angst, nämlich die Besorgnis, nicht berücksichtigt. Man geht davon aus, dass eine sehr hohe Aktivierung sehr wohl auch positiv auf die Leistungsfähigkeit wirken kann, solange diese hohe Aktivierung mit positiven Emotionen, Gedanken, Gefühlen der Handlungsfähigkeit und Kontrollierbarkeit verbunden ist. Für die Praxis bedeutet dies: Um aus der Panikzone zu kommen, sind einerseits eine bewusste körperliche Entspannung (hier hilft auch oft eine sehr einfache Methode, nämlich das eigene Lieblingslied zu summen oder zu pfeifen) und andererseits eine kognitive Umbewertung der Situation hilfreich.

Schaubild: Yerksen-Dodson-Gesetz

Schon beeindruckend, das Ganze, oder?
Einen ausführlichen Artikel von Andrea zum Thema 'Mentale Stärke im Outdoor-Sport' gibt's hier auf unserem Blog.
Falls auch du Hilfe und Unterstützung benötigst, melde dich gerne bei Andrea.
Für weitere Infos und Kontaktaufnahme:

sportpsychologie.tirol und worldsportmission.com und auf dem Telegram-Kanal 'Ajana'.

Danke für dein Interesse an diesen Geschichten und Kommentaren.

Wir hoffen, dass dich diese aktiven Frauen aus der Outdoor-Welt genauso inspiriert haben wie uns. Schreib uns doch einfach, wenn sie bei dir Interesse geweckt haben oder wenn du neue Ideen bekommen hast, wie du dich selbst draußen in der Natur ausleben möchtest.

Wir freuen uns von dir zu hören, wenn du auch eine faszinierende Outdoor-Story hast oder dich jemand inspiriert, nach draußen zu gehen und Abenteuer zu erleben.

Kollegin Emma // My playground