Freiheit, Erschöpfung und Glücksgefühle

Freiheit, Erschöpfung und Glücksgefühle

Mehr als 2500 Kilometer quer durch Deutschland, dicht an der Kletterwand mit bunten Griffen voller Kreide und Schweiß, beim Passieren einer Brücke über einen 30 Meter tiefen Gletscherspalt, im Schneesturm bei minus 20 Grad – da finden sie ihre Erfüllung.

Unsere Mitarbeiterinnen Martina, Emma, Madeleine und Ann-Charlotte reden alle von Freiheit, wenn sie über ihre Leidenschaft erzählen. Obwohl (Alpin)Klettern, Bergsteigen und Bikepacking eine Menge von ihnen verlangen, geht ihnen das Vertrauen, dass sie ihr Ziel erreichen werden, nie aus. So Ann-Charlotte: „Es ist dein Geist, der sagt, du kannst nicht mehr. Dein Körper, der kann immer weiter.“

Was sie herausfordert, antreibt und erfüllt liest du hier!

Text: Anna Deluz, Fotos: Madeleine Bacz, Emma Carlsson, Martina Domnick, Ann-Charlotte Frank

Ann-Charlotte

Ihr Atem, das Seil durchs ganze Team & wohin der Blick fällt nur weiße Stille

„Es ist wie nach Hause kommen“ – Die Eislandschaft ist ein Besuch, auf den sie sich lange vorbereitet. Kraftsport und Klettern jeweils drei Mal die Woche plus längere Sessions am Wochenende unter Freund*innen mit Kaffee und danach gemeinsamem Abhängen. Sie trainieren für ein alpines Kletterabenteuer in den französischen Alpen. Alpinklettern ist eine Disziplin, bei der man Fels- und Eiswände erklimmt, wandert und sich in vergletschertem Gelände bewegt. Am Tag vor dem Klettern bereiten sie sich auf verschiedene Szenarien vor. Wenn sie zum Beispiel wissen, dass die Gruppe ein Gebiet mit Gletscherspalten durchqueren wird, vergewissern sie sich, dass das Seil-Team darauf vorbereitet ist und weiß, wie Anker zu bilden sind, sollten sie einen in einen Spalt gefallenen Menschen hochziehen müssen.

Am Vortag werden Equipment und Wetter geprüft. Auf Material soll immer Verlass sein, das ist das A und O. Und wenn der Himmel sich umentscheidet, muss man nicken und zurück zum Basecamp. Das gleiche gilt für die Körpersignale: Ann-Charlotte musste bereits einmal niedergeschlagen mit Fieber umkehren: „Aber ich wusste, es wäre gefährlich gewesen, in diesem Zustand weiterzumachen“. In der Badewanne verbrachte sie den Ausflugstag, den sie seit Wochen plante …

Beim Klettern ist sich Ann-Charlotte immer der Risiken bewusst, sie legt den Fokus dennoch nicht darauf, was passieren könnte. Vielmehr widmet sie ihre ganze Aufmerksamkeit der Frage, wie sie auf die sicherste Art und Weise zum Gipfel kommt. In absoluter Konzentration geht die Gruppe voran, langsam und bedacht: „Alles ist ruhig und weiß“. Bestimmte Augenblicke grenzen an Wunder.

Ann-Charlotte, die bei uns in der Finanz-Abteilung arbeitet, wurde oft von MTB-begeisterten Kolleg*innen zu Downhill-Sessions eingeladen. Sie wurde auch genauso oft gefragt, warum das Biken ihr Angst bereite, während sie ganz entspannt ihr Schicksal in die Hände von angeseilten Kletterfreund*innen beim Passieren von Gletscherspaltenbrücken abgeben kann.

Das Einzige, was sie beim Klettern immer dabeihat ist ihre Atmung, sagt Ann-Charlotte – und die Kletterpartner*innen. „Es ist eine sehr soziale Sportart“, betont sie. Sie sagt, sie vertraut allen Mitgliedern der zwischen drei- und zehnköpfigen Truppe, mit der sie trainiert, zu 100 Prozent. „Du solltest niemals mit jemandem klettern, dem du nicht vertraust, ansonsten wirst du einen schlechten Tag haben“. Ein guter Tag hingegen startet mit einem um vier Uhr morgens klingelnden Wecker: „Wenn du im Dunkeln kletterst, ist das einzige, was du hast, die Stirnlampe. Und dann erhebt sich die Sonne…“

Der Mont Blanc (4809 Höhenmeter) und das Gran Paradiso (4061) sind ihre bisher höchsten erreichten Gipfel. Und viele weitere werden noch kommen. Eine gute Sache, dass Ann-Charlotte ihre Leidenschaft mit ihrem Freund teilt, denn sie würden sich ansonsten kaum sehen. Wenn im Sommer der Schnee schmelzt tauschen sie die Gletscher-Ausrüstung für Tauchanzüge. Sie leben nämlich eine Minute vom Ozean entfernt.

Madeleine

2512 Kilometer Bikepacking durch Deutschland ohne große Vorbereitung

Eins, zwei, drei. Wann hört es auf? Fünf, sieben, zehn ... Das Wasser strömt vom Himmel und der Wind gibt nicht nach. Nach zwölf Kilometern Kopfsteinpflaster bei Wind und Regen wechselt Madeleine endlich auf eine asphaltierte Straße. Autos hupen. Es ist zum Heulen. Die Motivation lässt für einen kurzen Moment nach.

Am 29. Juni 2020 hat sich Madeleine, die in Stuttgart als CRM Managerin bei uns arbeitet, auf ihr Fahrrad gesetzt. Sie hatte drei Wochen Urlaub vor sich, keine Erfahrung im Bikepacking und nur Hamburg als Ziel vor sich. Eins wünschte sie sich jedoch: Nach Lust und Laune zu fahren. Da sie es hasst, Touren zu planen, hatte sie sich bestehende Routen heruntergeladen und innerhalb von zehn Minuten auf komoot die Verbindungen der einzelnen Routen geplant. Am Vortag fragte sie noch nach Tipps, um richtig zu packen und wog zwischen Buch und Regenhose ab. Die Entscheidung fiel für die Regenhose – zum Glück!

Ihre Reise endete in Hamburg nach 2512 Kilometern, 18 Tagen im Sattel und einem Tag Pause dazwischen. In Madeleines Erzählung tauchen immer wieder zwei Worte: „Reiz“ und „Grundvertrauen“. Ja, es ist viel, und ja, es ist nicht immer lustig. Vom Vortag gerädert tut das Sitzen weh, es ist kein Platz zum Schlafen in baldiger Sicht: „Aber ich weiß, ich schaffe das“. Die drei Wochen Bikepacking waren eine tolle Erfahrung für sie. Auch eine Frau, die Single ist, braucht keinen Mann an ihrer Seite, um eine Herausforderung zu meistern und einen tollen Urlaub zu kreieren. Dennoch, jenseits von Mann und Frau: War es nicht manchmal gruselig, allein unterwegs zu sein?

„Obwohl ich allein war, habe ich mich nie einsam gefühlt“. Madeleine hat viel auf Strava gepostet und wurde von dem Austausch mit den Frauen und Männern, die ihr Vorhaben bewunderten, sehr getragen. Obwohl ihr ein Kollege ein Messer und eine Kollegin ein Pfefferspray vor der Abfahrt geschenkt hatten, konnte Madeleine mit bestem Willen nichts mit deren Ängsten anfangen. Ihr Zelt hat sie beim Wildcamping und auf Campingplätzen aufgeschlagen, in Pensionen hat sie manchmal übernachtet. Sogar eine Nacht im Hotel hat sie sich gegönnt, als sie sich vom kalten Regenwetter erholen wollte.

Diese Reise hat ihr gezeigt, was sie kann. Die täglichen Distanzen zwischen 80 und 195 Kilometern brachten sie aus ihrer Komfortzone und bescherten sie mit einem tiefen Ausgleich. Alles, was dazwischenkam – unter anderem neue Bekanntschaften, gutes Essen, unerwartete Platten in wunderbaren Landschaften – wurde zum Abenteuer. Und den morgendlichen Schwarztee am erstbesten Spot nach dem Aufbrechen, ohne zu wissen, wo sie abends schlafen würde, genoss sie mit einem tiefen Gefühl der Freiheit. Für die belohnende Intensität solcher Erlebnisse kann man sich ruhig auf eine nasse Kopfsteinpflasterstraße und hupende Autos einlassen!

Emma

Auf 5416 Meter bei minus 20 Grad mit Endorphinen im Blut

Geboren und aufgewachsen in Schweden, hat sich Emma seit ihrem zwanzigsten Geburtstag die Orte zum Leben ausgesucht, wo sie ihre Leidenschaften am besten ausleben kann. Die Lofoten, das Ski-Resort Gaustablikk, Kirkenes and Svalbard in Norwegen, Revelstoke in Kanada und Cusco in Peru. Für den Schnee, für die Radrouten, für die Wanderwege, für die wilde Landschaft ohne Wegweiser und Pfade, in die du dir deinen eigenen Weg bahnen musst. Absolut abseits sein, wissen, dass der nächste Mensch meilenweit entfernt ist, den Sonnenuntergang in totaler Stille und Abgeschiedenheit genießen: „Das ist purer Zauber“. Und auch, wenn sie es sehr mag, nur auf sich angewiesen zu sein – „Es ist nur ich und mein Körper“ – schätzt sie Begleitung, abgesehen von ihren Wanderstöcken, die sie immer dabeihat.

Im Oktober 2017 machte sich unsere Product Content Managerin auf den Weg nach Nepal, um dort eine Trekkingtour zu machen, und kam bald mit Karmaflights in Kontakt. Die NGO, die sie vorher nicht kannte und die plante, warme Jacken an Kinder in die vom Erdbeben 2015 betroffenen Gebieten zu verteilen. Sie traf sich in der Stadt Pokhara mit dem Team der NGO und ließ sich von der Idee des Vorhabens anstecken. Nachdem die Spendensammlung abgeschlossen war und die 2250 Jacken eingegangen waren, wanderten die 14 Freiwilligen innerhalb von acht Tagen zu 14 Schulen für die große Aktion.

Ob es die Begegnungen mit den Einheimischen oder mit den Reisebekanntschaften waren, die ihren fast sechsmonatigen Aufenthalt am meisten prägten, kann sie nicht sagen: „Alles hatte eine große Bedeutung für mich“. Sehr markant war es für sie, ganz nah das Leben von Menschen, die in diesen extremen Bedingungen leben, kennenzulernen, hoch über dem Meeresspiegel und weit entfernt von allem. Unter den Reisenden hingegen teilten sich alle die gleichen Schwierigkeiten, denn von Höhenkrankheit und Erfrierungen sind alle gleichermaßen betroffen – seien es die auf dem Weg getroffenen Backpacker oder CEOs der bekanntesten schwedischen Nationalbanken.

Diese Umstände unterschieden deutlich die Wanderungen im Himalaya von denen in Europa. Hochgefühle gab es natürlich dennoch bei jedem erreichte Gebirgspass, auch wenn der höchste bei 5416 Meter über dem Meeresspiegel besonders kräftezehrend war. Im Sturm hatte ein unterbekleideter Mitwanderer Angst um seine frierenden Hände und Füße, denn bei minus 20 Grad geht alles sehr schnell. Eine Mitwanderin wollte 300 Höhenmeter vor dem Bergpass aufgeben. Schließlich haben sie es geschafft. Emma erklärt: "Du hast keine Wahl, du musst weitergehen".

Die leidenschaftliche Bikerin und Skifahrerin mag am Bergsteigen, mit wenig Material unterwegs zu sein, und die Langsamkeit: „Man braucht nur einen guten Rucksack und gute Schuhe“. Diese Einfachheit und Reduzierung auf das Wesentliche spiegeln sich in ihrem minimalistischen Lebensstil. Wohin auch immer ihre Füße sie noch tragen werden, wird Emma die Sicht vom Dach der Welt sicherlich in Erinnerung behalten. Genau wie den Glück spendenden, gefrorenen Schokoriegel vor dem Abstieg, der noch viel Kraft verlangen würde.

Martina

Perfekte Klettergriffe für eine gelungene Route

Sie hatte Höhenangst und hat sie immer noch. Aber sie besiegt sie seit sechs Jahren drei Mal pro Woche in der Kletterhalle. Martina, die für die Texte unserer CAMPZ-Shops und -Magazins zuständig ist, hat Klettern in verschiedenen Kletterhallen in Köln kennengelernt. Was einst eine große Überwindung brauchte, beschert ihr nun regelmäßig das, was sie grinsend „Climber’s High” nennt. Ein Gefühl, wozu ihr Joggen („zu repetitiv und eintönig”) nie verhalf. Das Risiko spielt sicherlich eine zusätzliche Rolle.

Diese „kontrollierte Gefahr”, von der Martina spricht, die totalen Fokus verlangt und der Schreck, wenn man ins Seil fällt, der sich in Adrenalin umwandelt. Die Hochgefühle kommen aber auch vom glücklichen Zusammenkommen zwischen dem Parcours und der Hingabe der Klettererin: „Die Route, ist dann wie für dich gemacht. Jeder Griff ist genau da, wo du ihn brauchst.” Und sie ergänzt: “Mein Körper weiß genau, wie ich diese Route klettere, obwohl ich sie zum ersten Mal sehe”. Dies passiert nicht so oft: Mal ist die Wand für kleinere Körper gedacht, mal verlang sie viel Oberkörperkraft, mal viel Flexibilität. Wenn sie es richtig gemacht hat, ist sie besonders froh.

Kann man da etwas falsch machen? “Ich denke, falsch klettern kann man nur, wenn man sich dabei verletzt. Ansonsten ist es eine Aufgabe, die du auf unterschiedliche Art und Weise lösen kannst.” Ah ja, klar. Die Fehler beim Klettern sind nicht moralisch, sondern rein pragmatisch – mit schweren Folgen manchmal. Echte Gefahr hat Martina tatsächlich einmal erlebt, als sie und ihre Absicherungspartnerin nicht am gleichen Seil angekettet waren. Das merkte Martina erst, als sie schon drei Meter in der Luft an der Wand war ... Sie verzerrt ihr bis jetzt fröhliches Gesicht: „Das hätte schief gehen können”. Das wichtige und verbindende Ritual des Partnerchecks hatten sie dieses eine Mal vergessen.

Ihre Höchstleistung? Die Route auf dem Unicampus in San Francisco brachte sie auf 22 Meter Höhe. Bevor sie diese erreichte, gab es einen kritischen Moment, als sie merkte, dass sie gerade über 15 Meter war, und dabei feststellte: “Das ist höher, als du gewohnt bist.” Ihre Ängste überwunden zu haben, macht sie stolz. Man kann darin aber auch noch viel mehr sehen: Eine tiefe Zufriedenheit darüber, sich selbst überrascht zu haben und zu erkennen, dass die eigenen Grenzen doch viel weiter lagen als zuerst angenommen.


Ihre Natur

Die Natur hat ihre eigenen Regeln. Sie ist klug, sensibel, inspirierend und stärker, als du denkst. Genau wie die Frau in der Natur: Eine weise Leaderin mit Umweltbewusstsein, unermüdlich in ihrem Streben, achtsam und unglaublich inspirierend. Erfahre Geschichten über unsere Arbeitskolleg*innen, die über ihre Leidenschaften erzählen, Kletterer*innen, von denen du vielleicht noch nie etwas gehört hast (was schade ist) und vorbildliche Führungspersönlichkeiten in der Outdoor-Branche.